MALARIA, HUNGER, TOLLWUT …

30. August 2015

von Lysann

4 Monate im wilden Südsudan …

Nach meinem Urlaub verliess die ‘Head nurse’ und unser ‘Medical Referent’ die Mission. Das erstere ist sowas ähnlich wie Heim- oder Pflegedienstleiter und das zweite sowas wie Vorstandsvorsitzender bei uns. Ferner ist einer unserer Kinderärzte nicht wieder aus dem Urlaub von Zanzibar zurück gekommen. Unser Medical Team ist also richtig geschrumpft und das in einer sehr stressigen Zeit – rainy- and malaria season :-(

Seitdem versuchen ein Arzt und  ich unser Hospital – hier in Aweil – irgendwie am ‘Laufen’ zu halten – keine leichte Task! Neben den anderen Expats bestehend aus Ärzten und Krankenschwestern ist unsere Aufgabe, neben medizinischen Belangen unser national staff zu supervidieren und irgendwie zu managen.

Malaria sowie unterernährte Kinder en masse…

Haben in den letzten 3 Wochen zwei neue Zelte aufgebaut, Personal rekrutiert, Medizin  und anderen Supply organisiert. Beide Zelte waren, neben dem Krankenhaus, heute morgen voll belegt. Unsere Kinder werden meist zu spät gebracht, oft kommt jede Hilfe zu spät. Meist sind die Wege sehr lang und oft sind die Menschen Tage, bei brühender Hitze, no food and water, unterwegs. Ferner fehlt es an Bildung und Verständnis für medizinische Notwendigkeiten. Die Healer haben erstmal Vorrang und das Vertrauen – leider in den meisten Fällen. Diese Kulturen zu durchdringen, zu erfassen und zu verstehen, ist nicht leicht im Vergleich zu unserem westlichen Weltbild und unsere doch eher rationalen Denkweise bezüglich Diagnosen und Therapien. Oft konnten und können wir aber auch helfen und ein sterbenskrankes Kid stabil entlassen.

…nicht jedoch so gestern bei einem ganz bizarren Fall – Tollwut. Es kommt eher selten vor, dass wir Kinder mit Tollwut hier sehen, obwohl in den Dörfern, man könnte sagen, eine endemische Verbreitung beschrieben wird. Meist kommen die Eltern bei anfänglicher oder gar ausgeprägter Symptomatik, wie gestern und dann eben zu spät. Sind Symptome ausgebrochen, dauert es meist nicht länger als eine Woche bis der Tod eintritt. Die durch ein tollwütiges Tier verursachte Krankheit ist im späten Stadium nicht heilbar und Symptome treten oft spät nach einem Biss auf. Die gebissen Betroffenen sind eine potentielle Ansteckunsgefahr. Neben hirnorganischen Beeinträchtigungen, sind alle Sekrete infektiös und das Verhalten sehr aggressiv. Die Betroffenen neigen zum kratzen und beissen.

Laut unserem MSF AWEIL Protokoll können wir – in diesem Stadium – hier gar nichts tun, nur palliative Treatment und keine klinische Aufnahme, da die Infektionsgefahr zu hoch für andere Patienten ist und wir auch nicht über die Möglichkeiten verfügen. So wurde das wütend tobende, sich sehr eigenartig verhaltende Kind gestern nach Hause geschickt. Neben dem ganzen Sterben hier und dem Umgang mit der Armut war dieses Ereignis eines meines herzzerreißendes bisher – nichts zu tun, entlassen und sterben lassen – das fiel uns allen schwer; besonders mir.

Gestern bin ich nicht vom Krankenhaus nach Hause gelaufen und um jeden Hund mache ich einen, nun noch grösseren Bogen …

 

Gedanken, Gefühle, Regeln und Leben leben …

1. August 2015

von Lysann

Ich bin seit 3 Monaten und einem kleinen Kurztrip nach Zanzibar   ‘in the field’ und davon abgesehen, dass ich nach meiner ersten Nacht hier, aufgeben wollte, bin ich doch irgendwie stolz, dass ich geblieben bin. Mit jedem Tag und jedem kleinen mini Highlight wurde und wird es besser. Dennoch ist es immer noch ein kleiner ‘Kampf’ oder eine Herausforderung hier zu arbeiten und zu leben. Eine Herausforderung in professioneller aber auch sehr in persönlicher Hinsicht.

Wir arbeiten viel, meist 10-12 Stunden im Hospital und dann im Office – danach. 300 Mitarbeiter wollen oder müssen supported und trainiert werden, damit auch alles ohne uns läuft – irgendwann. Momentan unvorstellbar, dass dies in den nächsten Jahren passieren wird oder kann. Der Bildungsstand der meisten Menschen hier ist als sehr gering einzuschätzen, es fällt den meisten schwer einen Notfall und die Handlungsnot zu erkennen, Prioritäten zu setzen oder langfristige Entscheidungen zu treffen. Die Menschen haben ‘nur’ gelernt hier irgendwie zu überleben, Krieg und Armut zu händeln und den Tag als den einzigen und solchen zu sehen.

Mit meinen 24 Kollegen versuchen wir jeden Tag auf diese Menschen zu setzen an sie zu glauben und alle gefühlten Enttäuschungen immer wieder in eine nicht aufzugebende Hoffnung zu transferieren. Kein leichter Prozess – für jeden einzelnen von uns. Die von mir geglaubte ’emergency mission’ entpuppt sich wohl eher als eine ‘chronic emergency mission’ und verlangt enorme Geduld in diese Menschen und Vertrauen an sich selbst.

Das Leben im Compound trägt die gleichen Höhen und Tiefen in sich. Natürlich ‘mögen’ wir uns nicht alle, zu unterschiedlich sind unsere Persönlichkeiten, Kulturen und Sprachen auch wenn wir hier für den gleichen Zweck gekommen sind – im ‘jüngsten’ und ärmsten Land der Welt zu arbeiten.

Wir leben auf engsten Raum zusammen. Jeder hat sein eigenes kleines privates Reich, unser Tukul aber daneben wird ALLES geteilt. Wir essen und trinken zusammen, teilen ein Office, das halbwegs funktionierende W-Lan, den Weg zur Latrine, zum Zähneputzen oder zur Dusche. Wir kennen uns alle im ‘Schlafgewandt’  oder nur mit Handtuch bekleidet, ungeschminkt, nach morgendlichem ‘Kater’ oder auch mal ‘aufgebretzelt’. Selbst Durchfall, Pickel, schlechte Laune, Liebeskummer, Weltschmerz oder andere menschliche Sorgen sind nicht wirklich diskret zu händeln . Einen Platz zum Reden ‘face to face’ oder zum privaten Telefonieren  ist schwer oder gar nicht zu finden. Ausgang ist nur zu zweit erlaubt oder im MSF Auto – als security symbol. Ab 11pm müssen wir alle im Compound sein (btw: da gehe ich meistens aus in Berlin) und keine Ausnahmen sind erlaubt. Falls diese Regel gebrochen wird, kann man gleich das Ticket nach Hause beim PC (Project Coordinator) abholen.

…und so schwer oder anders das Leben im Allgemeinen hier ist, ist es auch bezüglich der Menschen im speziellen. Jeder ist mit sich selbst sehr beschäftigt und nach getaner Arbeit kaum noch aufnahmefähig. Zum Glück habe ich diese Menschen hier, sonst würde ich es nicht aushalten und zum Glück gibt es ja auch noch Whats app, skype und co. um mit euch in Kontakt zu bleiben.

Nach all dem geschrieben tut sich sicher die Frage auf: ‘Warum und wieso macht sie das nur?’ – das wird sie hoffentlich noch herausfinden, denn neben der eigentlichen Mission hat hier jeder seine eigene, ganz persönliche, ganz eigene Mission…

Happy Weekend and hello from Aweil from

Lysann

Ein Monat im Südsudan …

23. Mai 2015

von Lysann

Ein bisschen über alles hier …

Me’decins Sans Frontieres (MSF) hat mehr als 3100 local staff (Einheimische) und ca. 340 international staff (Expats) in Südsudan angestellt. Neben Gesundheitsfür- und nachsorge, Prävention (Familienplanung und Impfkampagnen) werden Operationen, Geburtshilfe etc. in den 17 Projekten angeboten.

Norther Bahr el Ghazal State ist eine Provinz im Norden vom Südsudan an der Grenze zum Sudan. Aweil – Dinka Town.

Die Dinka sind eine afrikanische Ethnie und sie besiedeln den größten Teil der Landesfläche; mit geschätzten 2,5 bis 3 Millionen Angehörigen sind sie die stärkste Volksgruppe des Landes. Die Unruhen 2013/2014 um die politische Führung im Südsudan mit rund einer Million Flüchtlingen in der Region sind die Eskalation eines lange andauernden Konflikts zwischen den Dinka und dem Volk der Nuer.

Aweil Civil Hospital – da arbeite ich. Insgesamt bin ich mit meiner Kollegin aus den USA für ca. 300 national medical staff verantwortlich. Das ist hier eine Kür, denn das Dinka Volk ist ein ganz eigenes. Sehr stolz, vom langen Krieg und Armut geprägt, wenig gebildet und kaum oder gar keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Es ist jeden Tag ein Balanceakt sondergleichen zwischen dem immensen Stolz dieses Volkes und der Einsicht der nötigen Veränderung. Neben dem versuche ich hier zu lehren, Themen wie Hygiene, Malaria, Durchfall, Fieber, Diabetes etc. – für staff und patients.

Das Einzugsgebiet unseres Krankenhauses ist riesig, da es keine anderen Krankenhäuser im Umkreis gibt. Mit riesig meine ich auch riesig und spreche von ca. 1 Mio Menschen!!! Im Monat werden hier ca. 450-500 Babys bei uns entbunden und damit sind nur die kritischen Fälle gezählt…. Daneben betreuen wir die Frühchen und schwer kranke Babys und Kinder bis 15 Jahre.
….somit
es gibt viel zu tun …